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Zeichnung | Collage | Foto | Objekt | Naturdruck | Malerei | Interaktion

Seit meiner bildhauerischen Ausbildung habe ich den Wunsch einen Gegenstand, eine Form oder eine Idee rundum zugänglich zu machen. Daraus ergibt sich auch die Vielzahl der Materialien und der Medien mit denen ich arbeite. Die Wahl der Materialien, die Thematik und die Form der Interventionen – von der Tradition der Minimalart ausgehend – stehen dabei nicht im Vordergrund. Vielmehr möchte ich innere und äußere Räume in seinen mir bekannten und unbekannten Dimensionen, Perspektiven und Schnittstellen erfahrbar machen. 

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Zur Ausstellung – Die Farben des Grases – Galerie MuriArt in Muri b. Bern | 2019

Mich interessiert das Gewöhnliche und Einfache. Das – was wir meist übersehen oder als selbstverständlich erachten, wie z.B. das Gras. Thema meiner Arbeiten sind Boden- und Oberflächenstrukturen von Stadt- und Naturlandschaften aus meiner unmittelbaren Umgebung. In der Stadt, in der ich wohne oder einer Naturlandschaft, die eine besondere Anziehungskraft auf mich ausübt. Landschaften, die das Bild unserer Erde prägen und deren Einzelteile, wie die Grashalme innerhalb einer Wiese oder Steine in einem großen Bergpanorama, wir im Allgemeinen nicht wahrnehmen.

Es sind Zufälle denen ich Raum gebe, sodass plötzlich starke emotionale, fast magische Momente entstehen, in denen ich einzelne kleine Ausschnitte entdecke, die besonderen Perspektiven und Farb- und Lichtspiele wahrnehme und in Stimmung bin, um dem Gras beim Wachsen zuzuhören. Mit dem Fotoapparat experimentiere ich mit Licht und Perspektiven bis ich Bilder habe, die meine Eindrücke und Entdeckungen wiedergeben, um sie später am Computer weiterzuentwickeln und die Arbeiten mittels Fotoarbeiten und Zeichnungen oder Objekte zu realisieren.

In der Ausstellung Die Farben des Grases habe ich mich vor allem auf die wechselnde Farbigkeit während der verschiedenen Tages- und Jahreszeiten konzentriert – mit den sich verändernden Lichteinflüssen und den dadurch entstehenden Veränderungen der Farben. Für die Gestaltung der Bilder habe ich jedoch nicht die Naturfarben verwendet, sondern die Bildschirmfarben des Computers. RGB – Rot, Grün, Blau. Vielleicht ist es ja doch so, dass sich die Wahrnehmung der natürlichen Farben vermischt mit einer künstlich beeinflussten Sicht der Welt – so wie wir die Landschaft heutzutage über den Bildschirm eines Computers betrachten. (Lis Blunier)

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Martin Schnidrig, Kurator der Ausstellung Seelandschaften in Ried bei Kerzers – Schweiz | 2015

Wo der Himmel die Erde berührt (Künstlerbuchkatalog 2005), beschreibt eine Linie, die in den Arbeiten von Lis Blunier seit Jahren eine wichtige Rolle spielt. Am Anfang stehen Fotoaufnahmen aus unseren Voralpen, die über mehrere Projekte bearbeitet und weiterverwendet werden. Am Computer reduziert sie natürliche Formen und Strukturen, die sie dann als Zeichnung auf Plexiglas und Folien überträgt. Aus einer realen Ausganglage entstehen somit über längere Zeit erfundene Landschaften.

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Zu den Projekten:

– Alpenunterwanderung – Zagreus Projekt Berlin | 2013-14
– BergWandern – 48-Std-Neukölln in Berlin | 2010
– Dies ist mein Berg – Schillerpalais  Projektraum, Berlin | 2010

In diesen drei interaktiven Installationen interessieren mich die Begegnungen und möglichen Synergien einer weiss verschneiten, weiten Bergwelt mit einer lauten, engen und bunten Stadt. Innerhalb dieses Themas arbeite ich mit verschiedenen Medien, die wie Schichtungen oder auch wie Collagen angelegt sind. Der Raum wird definiert, so dass eine fiktive Ebene ähnlich einem Bühnenbild entsteht. Darin kann der Besucher sich interaktiv bewegen, den Raum erkunden oder auch sich selbst inszenieren. (Lis Blunier)

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Clemens Jöckle, Künstlerischer Leiter der Städtischen Galerie Speyer über Lis Blunier in „Das Elementare in der Kunst“ – Installation, Objekte, Malerei, Grafik | 24.02.06 bis 26.03.06

Keine Angst vor der Avantgarde

In dem auf das 15. Jahrhundert zurückgehenden Kellergewölbe in der Städtischen Galerie im Kulturhof Flachsgasse wird die Schweizer Künstlerin Lis Blunier ein Environment unter dem Titel „Erdblüten“ installieren. Die in Bern 1959 geborene Künstlerin studierte Bildhauerei an der Alanus – Kunsthochschule in Alfter bei Bonn, lebt in Berlin – Schöneberg und arbeitet im Wedding.

Bei einer Installation geht es um die künstlerische Gestaltung und Verwandlung von Räumen mit unterschiedlichen Materialien, in unserem Fall Asche, verbranntes Holz, Bitumen und Eisen. Mit Hilfe der Kombination der Ausgangsmaterialien zielt die Künstlerin unmittelbar auf die Bereitschaft des Betrachters zum Nachdenken und zur Gedankenverknüpfung. Er wird aufgefordert, in geduldigem Anschauen sich das innewohnende Selbstverständnis des Werkes zu erschließen.

Die Installation stellt somit keine Wiedergabe vorgefundener Denkmöglichkeiten durch den Künstler, also kein fertiges Resultat im Kunstwerk vor Augen, sondern erweist sich als inszenierte Raumsituation. Sie lenkt eigene subjektive Erlebnisse, Gefühle und Vorstellungen des jeweiligen Betrachters auf das als Projektionsfläche dienende Kunstwerk. Die Raumempfindung als Erlebnis setzt anschauliches Denken und Assoziationen zueinander in Beziehung.

Das Thema gibt den Charakter vor, den der bestehende Raum verändernd durch die Installation annehmen wird. „Erdblüten“ bringt wie in der Blunier seit über einem Jahrzehnt beschäftigenden Werkserie zu den vier Elementen Erde, Feuer, Wasser und Luft, Kunsterzeugnisse und Natursubstanzen in Beziehung. Das Eisen wird skulptural geformt und erhält eine zeichenhafte Gestalt, nämlich die eines Blütenkelches auf einem Stängel, welcher als Einzelform durch eine gitterförmige Verbindung seriell aufgereiht die vordergründige Assoziation von einem sehr ordentlichen Gartenbeet erhält.

Aber der Flüchtigkeit und Vergänglichkeit des Blühens auf dem Wege zum Reifeprozess wird durch das Material Eisen Beständigkeit verliehen, wenn auch der Erdbezug dadurch verloren gegangen ist. Die Skulptur steht auf fragilen Stützen und ist keineswegs verwurzelt. Die in der Natur nicht vorhandene Verstrebung als technisches Element hat den Aufbau stabilisiert, nicht das „natürliche“ tiefe Einsinken in die Erde. Eine Entwurzelung als Befindlichkeit wird auch der schwarze Granitfußboden des Kellers in der Städtischen Galerie verstärken.

Während der Aufbau im Atelier der Künstlerin mitten im Berliner Wedding, wie auf dem Foto ersichtlich, ausschließlich die schwebende Ort- und Haltlosigkeit der Installation demonstriert, wird sie in der Galerie zwischen drückendem Tonnengewölbe und versiegeltem Boden gleichsam eingezwängt, kann sich weder zum Himmel erstrecken, noch kann sie im Boden verankert werden.

Soll bei dem Aufbau in Speyer die Metapher eines lebensfeindlichen statt eines bereits entschwundenen Raumes wie auf dem Foto im Berliner Atelier zeichenhaft verdichtet vorgeführt werden? Diese Interpretationsmöglichkeit der Installation in Speyer wird durch die Blütensubstanz im eisernen Kelch unterstützt, nämlich ockerfarbige zum Goldfarbenen hin tendierende Asche. Sie ist für die Künstlerin Resultat des täglichen Umgangs mit einem Ostberliner Kachelofen und Verbrennungsrückstand von Braunkohlebriketts. Der Tagebau in der Lausitz führte ihr auf einer Reise die ausgetrocknete, tote Erde vor Augen.

Durch diese Installation wird der Gewölbekeller im Kulturhof zur „camera mortuaria“ verwandelt, zum eindringlichen Objekt der Vergänglichkeitssymbolik, inszeniert als das Ende eines unbekannten, rätselhaften, beinahe mythologisch zu nennenden Rituals, dessen Kultgegenstände bereits in eisernen Gefäßen vom Feuer verzehrt und als kalte Substanzen zurückgelassen worden sind. „Erdblüten“ eben, wenn jede in der Flamme sichtbare Transzendenz und formende oder umformende Kraft erloschen ist.

Oder ist die Installation ganz anders zu verstehen, als die wider jedes Erwarten hinter dem Sichtbaren, dem Abgestorbenen, Erloschenen befindliche von verborgenen, unterirdischen Lebensadern durchzogene Erde des Poeten, wenn Hasan Özdemir zum Thema Erde im Katalog über Lis Blunier tröstlich dichtet: „In und über der Braunen Heiligen schlägt / Das Weltherz aller Lebensquelle der sich Bewegenden, / die Ewige Mutter aller Wesen.“


Besprechung von Beate Steigner-Kukatzki, Die Rheinpfalz vom 27.02.06
(Ausschnitt)

Wo der Himmel die Erde berührt

In der Ausstellung „Das Elementare in der Kunst “ wird zwar nichts schockierend Provozierendes präsentiert, doch kann man klar sagen: So hat man das noch nicht gesehen. In der Städtischen Galerie Speyer sind mit Arbeiten von Lis Blunier, Sophie Casado, Wolfgang Fritz, Brigitte Sommer und Gerd Winter poetische Denkräume entstanden, in denen grundlegenden menschlichen Empfindungen, die unmittelbar mit den vier Elementen Wasser, Erde, Feuer und Luft verflochten sind, Raum gegeben wird.

Erfrischend mutig reduzieren Lis Blunier, Sophie Casado und Wolfgang Fritz ihre Farben. Es wird nicht zugekleistert und überfrachtet, die konzentrierten Formen stellen sich ungeschützt zur Disposition. Luftig leicht und voluminös ragen Casados Luftkissen in bedrohlicher Augenhöhe aus der Wand. Lack lässt das weiße Papier durchscheinend werden. Im Inneren lediglich konservierte Luft. Die „arbre“, „Bäume“, Skulpturen aus gerissenen weißen Papierstreifen sind mit der Erde verwurzelt. Die leere blasse Hülle verweist zum Himmel, lässt aber keinen Einblick in Inneres zu, da die Skulpturen überlebensgroß sind.

Unter dem Titel „Wo der Himmel die Erde berührt“ stellt Lis Blunier ihre metaphernreichen Arbeiten vor. Im historischen Gewölbekeller des Kulturhofes hat sie ihre archaische Installation „Erdblüten“ platziert. Die mit ockerfarbener Asche gefüllten Blütenkelche aus verbranntem Holz sind mit Bitumen bestrichen und auf filigranen Eisenstängeln befestigt. Eine zeichnerische fragile Form ist entstanden, der eine regelmäßige Gitterstruktur Halt gibt. Wüstenähnlich ist die geschlämmte und getrocknete Asche aufgerissen. In großen Wandobjekten bildet die Asche eine verletzte Oberfläche. Feuer als Symbol für freigesetzte Energie, ebenso für lebensbedrohliche Trockenheit. Nachtblau überstrich sie die ockerwarme Asche mit einem eigens gemischten Blauschwarz von einer Intensität, die keine Vergleiche kennt. Stilistisch lässt sie sich nicht einordnen.